Der lautstarke Unbekannte und eine Preistafel per Overnight bei DIE RÖSTMEISTER

Kreidekollege
Röstmeister Tafel, blanko

Die Röstmeister und ihre Kreidetafel vor und nach unserem Overnight Service.

Manchmal stellt sich die Aufgabe, vorhandene Kreidetafeln genau dann zu gestalten, wenn alle anderen ihren wohlverdienten Feierabend genießen. So auch bei unseren Kreidefreunden von Die Röstmeister. Die Tafelflächen sind hier auf der Rückwand im Thekenbereich zwischen Kaffeemaschine und Kuchentheke angebracht. Leiter, Abdeckfolie, Kreidestaub… während des normalen Betriebes war hier also keine Chance ein liebevoll gestaltetes Motiv an die Wand zu zeichnen ohne die fleissigen Barista bei ihrer Arbeit zu behindern. Kurzum habe ich mich dazu entschlossen unseren „Overnight-Service“ anzubieten.

Bei solchen nächtlichen Einsätzen ist es immer besonders wichtig die Gestaltungsvorlage vor Beginn final abzustimmen. In diesem Falle lag mir zunächst eine Excelliste mit Speise- und Getränkekarte und die dazugehörigen Preise bereits vor. Während der Abstimmungsphase kam dann hinzu, das einzelne Produkte auch in unterschiedlichen Größen angeboten werden sollten. Dies musste natürlich ebenfalls im finalen Entwurf berücksichtigt werden. Nachdem die Änderungen dann umgesetzt waren, musste nur noch ein Timing außerhalb der regulären Öffnungszeiten festgelegt werden.

Das Ladenlokal

Der Arbeitsbereich der Barista der Röstmeister.

An einem Freitag gegen 19.30h, eine halbe Stunde vor Geschäftsschluss war es dann so weit. Bis zum nächsten Morgen, wenn der Betrieb weiter ginge, blieben gute acht Stunden Zeit um eine große und zwei kleinere Kreidetafeln zu gestalten. Natürlich ließ ich es mir nicht nehmen zuvor noch eine Tasse aufgebrühten Kaffee zu probieren, der bei den Röstmeistern frisch vor den Augen Tasse für Tasse handgefiltert wird. Doch direkt danach galt es nun keine Zeit mehr zu verlieren. Die Mitarbeiter verabschiedeten sich einzeln und der letzte drückte mir vertrauensvoll den Schlüssel in die Hand. Als ich alleine war begann ich mit den Vorbereitungen. Nachdem ich zuerst alles ausgemessen und dem Entwurf entsprechend die Zeichenfläche aufgeteilt habe fiel mir eine Person außen vor der Eingangstür auf. Ein Mann in Jogginganzug mit Kopfhörern in den Ohren schaute interessiert durch die großen Fenster während er in einer mir unbekannten Sprache zu telefonieren schien. Und zwar lautstark.

Leicht irritiert begann ich also meine Linien anzuzeichnen die mir zur Positionierung der Textabschnitte dienen. Erst Überschriften und Produktbezeichnungen, dann Größen und Preise, so entstand eine Art Raster auf dem alle Informationen Ihren Platz fanden. Ich kontrollierte noch einmal die Maße und die Abstände zwischen den einzelnen Zeilen und wollte eigentlich schon mit dem Zeichnen beginnen. Aber zuvor noch Gelegenheit für eine Zigarette. Als ich die Ladentür aufschließe bemerke ich im Augenwinkel den Typ von vorhin. Vorhin ist nun gut anderthalb Stunde her, denn mittlerweile ist es kurz nach zehn. Wo tagsüber reges Treiben herrscht, sind die Straßen um diese Uhrzeit wie leergefegt. Er telefoniert nun nicht mehr, tippt aber eifrig auf dem Handy rum. Ich stelle mich auf den Gehweg vor das Café und zünde mir die Kippe an. Die kühle Luft tut gut. Im Augenwinkel beobachte ich den Handyman im Jogger. Aus irgend einem Grund scheint dieser heute genau vor diesem Laden herumzulungern, an einer stark befahrenen Kreuzung mit vielen Geschäften und Restaurants mitten in Düsseldorf-Bilk. Obwohl es mich eigentlich gar nicht stört, stört es mich irgendwie trotzdem. Sein Aktionsradius beträgt maximal fünf Meter links und rechts von der Ladentür. Zum Glück steht dort ein beleuchtetes Reklameschild, so das ich ihn immer genau im Auge habe, denn mittlerweile ist es stockduster. Ich mache meine Zigarette aus und gehe zurück in den Laden. Während ich den Schlüssel im Schloß umdrehe sondiere ich noch einmal die Lage. Er schien mich zu beobachten als ich die Tür zuschloß.

Unbeirrt beginne ich zu zeichnen. Denn nun beginnt der wichtigste Teil meiner Arbeit, das Anzeichnen. Fehler sind hiernach nämlich kaum noch zu verzeihen. Und falls trotzdem geschehen nur mühsam und mit sehr viel Zeitaufwand zu korrigieren. An diesem Punkt erhält jede Zeile seine schlussendliche Position und jeder Buchstabe seine Form. Bei der Anordnung der Textfelder bemühe ich mich immer um eine harmonische und übersichtliche Aufteilung. Und wenn man dann mal ein Wort vergisst und versucht es noch irgendwie dazwischen zu quetschen sieht das direkt ganz schön besch…euert aus. Meist hilft dann nur noch eins: Wegwischen und nochmal ganz von Neuem beginnen. Aber heute hoffentlich nicht, es bleiben schließlich nur noch knapp fünf Stunden Zeit. Ein Blick auf die Uhr treibt mich nun doch zur Eile. Und Zeile um Zeile entsteht so eine neue Preistafel.

Um aber bei der ganzen Malerei das Rauchen nicht zu vergessen lege ich die Kreide gegen zwei Uhr morgens kurz beiseite. Ich schließe die Tür wieder auf und horche hinaus in die Stille. Nichts. Ich trete heraus, erblicke aber sofort wieder die Gestalt im Jogger. Wirklich? Immer noch da? Ein kurzer Gedanke schießt mir nun durch mein mittlerweile müdes Hirn. Pass auf, denke ich, gleich haut dir einer von hinten über den Schädel und schnappt sich den Schlüssel um die Tageskasse der Rösterei zu erbeuten. Wie willst du das nur irgendwem erklären. Dann blicke ich mich kurz um und nehme eine souveräne Körperhaltung ein. Brust raus, Kopf hoch, fester Stand, den potentiellen Angreifer stets im Fokus. Kann losgehen, denke ich, zünde mir eine Zigarette an und lächle verschmitzt in mich hinein. Der aber zeigt sich hingegen völlig unbeeindruckt und tippt stattdessen immer noch in sein Handy. Ich frage mich ob der mich überhaupt bemerkt hat. Und als ich so beobachte wie diese Person vor dem Leuchtkasten steht und unbeirrt Nachrichten tippt erwischt mich wie aus dem Nichts und völlig unvorbereitet eine imaginäre Ohrfeige der besonderen Art.

Vielleicht kennt ihr das Gefühl wenn einem etwas so sehr unangenehm ist, das man sich vor sie selber schämt? Ein wichtiges Detail war mir bei meiner nächtlichen Observation gar nicht aufgefallen, und zwar das WIFI-Symbol auf dem beleuchteten Reklameschild. In Düsseldorf sind nämlich viele dieser Leuchtkästen mit W-LAN-Hot-Spots ausgestattet. Und während der Handyman ein weiteres Gespräch beginnt trete ich betroffen meinen Glimmstängel aus und husche gesenkten Hauptes zurück in den Laden. Anscheinend hat der arme Kerl lediglich stundenlang vor dem Hotspot ausgeharrt während ich ihn in Gedanken schon als Ganove abgetan habe. So vorurteilsfrei wie ich immer behaupte, bin ich ja dann wohl doch nicht. Oder zumindest nicht mehr. Ein dringendes Zeichen um zukünftig wieder etwas mehr auf meine Gedanken acht zu geben. Man lässt sich in diesen Zeiten einfach viel zu leicht dazu hinreissen Menschen aufgrund ihres Aussehens, ihrer Herkunft oder ihrer Lebensweise zu beurteilen, nur weil diese einem selber so fremd vorkommt.

Den Rest der Nacht verbringe ich weiter damit mein Kreidewerk zu vollenden. Und wie immer verspüre ich eine stille Freude dabei. Aus den Boxen ertönt meine Lieblingsplaylist und die Arbeit geht mir trotz Müdigkeit noch gut von der Hand. So findet schlußendlich jeder Letter den für ihn vorgesehenen Platz und auch die zwei kleineren Tafeln über den Türen zur Küche und zur Rösterei sind dank guter Vorarbeit schnell erledigt. Gegen fünf Uhr früh ist dann endlich alles fertig. Ich packe meine sieben Sachen zusammen und entferne gründlich meine Kreidespuren. Der Betrieb kann weitergehen, so als wenn nichts gewesen wäre.

Ein ehrliches Lächeln ist keinesfalls selbstverständlich. Bei den Röstmeistern schon, und zwar gratis.

Die fertige Preistafel im Kreidedesign.

Ich schließe die Tür hinter mir ab, setze mir meine Wollmütze auf den Kopf und klopfe mir den Kreidestaub aus meinen Klamotten. Dann blicke ich mich nochmal um und trotte erschöpft und doch irgendwie zufrieden in Richtung Heimat. In der einen Hand meinen Rollwagen auf den ich meinen Kreideholzkoffer mit Gummibändern befestigt habe, in der anderen Hand einen Jutebeutel mit  den Resten der Nachtverpflegung. Ich laufe an den riesigen Glasfassaden der Geschäfte vorüber und erwische mich dabei, wie ich mein eigenes Spiegelbild mustere. Der Anblick erinnert ein wenig an einen Tippelbruder der mit seinen Habseligkeiten um die Häuser zieht. So und so ähnlich denke ich während meiner Heimreise noch lange über meine Voreingenommenheit gegenüber der Person in der Joggingpeitsche nach. Und gelobe Besserung. Menschen und Ihr Sein kann man eben nicht am Aussehen oder ihrer Herkunft erkennen. Bevor ich an diesem Morgen zu Bett gehe schreibe ich schnell noch eine Motividee in mein Skizzenbuch: Glaube nicht alles, was Du denkst!