Über Felherteufel, Kreidestifte und die fliegende Küche

Kreidetafel_Esszimmer

Heute geht es um Kreidestifte und das Reinigen bereits beschrifteter Kreidetafeln. Der Typ mit den Klingen ist Chef Mario, kreativer Koch, Kreidetafelfan und der Inhaber von Das Esszimmer. Zu Mario kam ich auf Empfehlung meines Cousins. Geheimtipp‹, total ›leckeres‹ Essen und selbstgebastelte Kreidetafeln‹ waren die Schlüsselbegriffe die mich zurück in meinen Geburtsort Mülheim an der Ruhr auf die Eppinghofer Straße lockten. Seine offene Küche bietet eine breite Range an Lieblingsgerichten zu absolut fairen Preisen. Das Angebot umfasst deutsche Küche und wird ergänzt durch Speisen mit crosskulturellem Einfluss im Thai- und Jamaican Style. Außerdem noch fabelhafte Burger mit den von mir so heißgeliebten Süßkartoffelfritten, abgerundet durch eine ehrliche Hausmannskost als Mittagstisch. Und wenn Mario und seine Crew ganz viel Langeweile haben, backen sie auch spontan mal ne Torte oder kreieren neue Dessertrezepte. Coole Truppe, hier hab ich mich vom ersten Moment an wohl gefühlt.

Über das Thema Kreidestifte kamen wir schnell ins Gespräch. Mario erzählte mir von seiner Zeit in der „Alten Fähre“ in Kettwig. Im Sommer ein beliebter Ausflugsort mit Biergarten und Blick auf die Ruhr, ganzjährig bekannt für seine gute Küche. Zehn Jahre lang war er dort Küchenchef. Während seiner Praktika in der Sternegastronomie verfeinerte er sein Können an namhaften Adressen wie z.B. das Schloß Hugenpoet oder dem Residence. Manch geübte Zunge behauptet, man schmecke das heute noch raus.

Eine Tafel für die veganen Speisen fehlte ihm noch. Und bei der Gelegenheit sollten alle Tafeln mal ein wenig strukturiert werden und ein einheitliches Design bekommen. Gesagt, getan. Er schickte mir die überarbeitete Speisekarte als Textdatei per E-Mail zu. Ein paar Tage später, nachdem wir die Entwürfe fertig abgestimmt hatten, holte ich an einem Freitagabend nach Geschäftsschluß die Tafeln im Restaurant ab. Da das Esszimmer Samstags geschlossen ist, nahm ich die Tafeln mit in die Werkstatt. Für die Überarbeitung blieben mir von jetzt an anderthalb Tage.

Bei Kreidetafeln, die überarbeitet werden, folgt man am Besten dem Prinzip der drei A´s: Auswischen, Ausmessen, Anzeichnen.

Auswischen

Zuerst musste also die alte Beschriftung runter. Je nachdem welche Kreidestifte zum Einsatz kommen, gelingt dies, mal mehr und mal weniger effektiv. Es grenzt schon an Frechheit, auf der Verpackung vieler Hersteller liest man zwar „mit Wasser abwaschbar“ oder auch nur „abwischbar“, aber in der Realität halten nur wenige Hersteller tatsächlich ihre Werbeversprechen. Von allen Flüssigkreiden, die ich bisher ausprobieren konnte ist es gerade mal eine Handvoll, die sich wirklich rückstandslos entfernen lassen. Mittlerweile habe ich mein eigenes Rezept für einen Tafelreiniger entwickelt. Die besten Ergebnisse erziele ich mit einer Mixtur aus Wasser, Backpulver (Natron) und Essigreiniger. Bei empfindlichen Oberflächen hilft Wasser mit einem Teil Glasreiniger. Doch leider waren hier, wie so oft, die falschen Kreidestifte zum Einsatz gekommen. Trotz aller Bemühungen hinterlassen die meisten Flüssigkreiden nämlich eine Art Fettfilm, welcher sich einfach nicht restlos entfernen lässt. Fazit: alle Tafeln mussten in der Nacht neu lackiert werden.

Ausmessen

Nachdem die Tafeln endlich getrocknet waren, machte ich mich an die Gestaltung. Im zweiten Schritt messe ich also die Fläche aus, teile sie entsprechend der Gestaltungsvorlage auf und platziere Text- und Motivelemente. So entsteht ein Linienraster mit sogenannten Schriftlinien und zusätzliche Bereiche für die Motive. Die Schriftlinie (oder auch Grundlinie) ist notwendig um die Buchstabenhöhe der Versalien und Kleinbuchstaben, inklusive Ober-, Mittel- und Unterlänge und ggfs. Serifen gleichmäßig anzuzeichnen. (Fotos dieser vorbereitenden Arbeiten folgen in einem der nächsten Blogbeiträge!) Aber auch die Abstände zwischen Zeilen und Grafikmotiven werden damit kontrollierbar. Aber nun genug Fachgeplänkel. (Wobei eben diese Details den Unterschied zur professionellen Kreidetafelbeschriftung darstellen.)

Anzeichnen

Im dritten Schritt wird zunächst ein Stück Kreide kleingemörsert. Das Ergebnis ist ein feinkörniges Kreidepulver. Mittels Schwamm großflächig verteilt, erleichtert es das Anzeichnen und bricht eventuelle Kanten von frischem Schultafellack. Der Kreidestaub bildet außerdem die Basis für notwendige Korrekturen und erlaubt das Entfernen dieser Schreiblinien, die ja nur der Platzierung und Skalierung von Text dienen. Dann folgt die eigentliche Beschriftung und das Malen der Grafikelemente. Zu guter Letzt werden die Schriftlinien dann wieder entfernt.

Gute acht Stunden später ist alles fertig. Als ich die Tafeln tagsdrauf wieder ausliefere, bleibt Mario noch genug Zeit, um diese wieder aufzuhängen bevor das Tagesgeschäft beginnt.

Zur Belohnung gönne ich mir eine extragroße Portion Tiramisu, die soeben frisch in der Kühltheke landet. Köstlich. Mario erzählt mir von seinen Cateringanfragen. Das Esszimmer wird mobil. Zu recht, wie ich finde. Die gute Resonanz hatte ich ja mittlerweile selbst schon aus verschiedensten Richtungen vernommen. Auf meinem Weg zurück in die Werkstatt philosophiere ich schon über einen Namen für den mobilen Cateringservice.

Als ich ein paar Wochen später eine weitere Mittagspause im Esszimmer einlege, erinnert mich Mario an unser Gespräch und fragt an, ob ich noch Tafelmaterial für seinen geplanten Cateringstand übrig hätte. Zufällig habe ich eine bereits lackierte Tafel in der gewünschten Größe auf Lager und erhalte die Aufforderung mir mal ein paar Gedanken zur Gestaltung zu machen. Sofort fallen mir meine damaligen Tafelmotive ein: Das Esszimmer… „unterwegs“, „bei Freunden“ oder „on Tour“, so der letzte Stand meiner Gedanken. Abends setzte ich mich dann nochmal an den Schreibtisch und begann diese Motive anzuzeichnen. Doch alle Skizzen landeten in der Tonne. Irgendwie war es das noch nicht. Auf meinem Heimweg kam mir dann zum Glück dieser Einfall mit der fliegenden Küche.

Zum Einsatz kamen diesmal nur Kreidestifte

Logo und Zusatz „Flying Kitchen“ für Catering-Service

Außerdem hatte er mir noch zwei Werbetafeln für den Eingangsbereich mitgegeben, die er von seinem Lieferanten Fritz-Kola zur Verfügung gestellt bekommen hatte. Diese Werbetafeln eignen sich ebenfalls hervorragend zum Beschriften. Die eine Tafelseite ist glatt und eignet sich z.B. für Permanentmarker, die andere hat eine angeraute Oberfläche, ähnlich wie die einer Schultafel und ist ideal für Kreide oder Kreidestifte. Außerdem lassen sie sich problemlos mit Tafelreiniger auswischen und das Material ist leicht und flexibel. Ideal also auch für unebene Untergründe wie z.B. die Klinkerfassade des Esszimmers.

Ich behaupte ja immer, bei jeder Tafel irgendetwas dazuzulernen. Was ich bei diesem Projekt gelernt habe, war längst überfällig und ist für mich und meine Auftraggeber von nahhaltiger Bedeutung. Zusammengefasst bedeutet das:

Vier Augen sehen zwar mehr als zwei, aber lange noch nicht alles.

Bei unserer Abstimmung der Karte haben sich leider orthografische Fehler eingeschlichen, auf die ich an dieser Stelle gar nicht näher eingehen will. Wer sie findet darf sie behalten und im Esszimmer gegen diese leckeren Kaubonbons eintauschen, die man dort an der Kasse findet. Jedenfalls ist der Fehler weder Mario, von dem die Textvorlage stammt, noch mir, der alle Textvorlagen stets nach bestem Wissen und Gewissen kontrolliert, rechtzeitig aufgefallen. Okay, ich könnte es mir einfach machen und behaupten, ich arbeite nur auf Vorlage der mir zur Verfügung gestellten Textdokumente… aber mal ehrlich: Geholfen wäre damit doch auch niemandem.

Zack, wieder was gelernt. Mittlerweile werden Textvorlagen von fachkundiger Stelle also zuvor gegengelesen, bevor sie auf einer Tafel landen. Einfach aus Gründen der Qualitätssicherung.

Für die bevorstehenden Veranstaltungen und den Ausbau des Angebotes um den Punkt Catering wünsche ich der Mannschaft vom Esszimmer viel Erfolg und eine nichtendenwollende Schlange hungriger und zufriedener Gäste. Und ich freue mich auf die nächste Mittagspause im Esszimmer. Die endet dann wünschenswerterweise mit einer Portion frischer Tiramisu zum Abschluss.

Solltet ihr auch mal probieren.

Das Esszimmer, Eppinghofer Straße 184, Mülheim a. d. Ruhr

Restaurant „Das Esszimmer“